Wer war Carl Herrmann, oder: Geheimnisse über Geheimnisse
von Mirko Schädel
Ein gewisser Carl Herrmann veröffentlichte seinen kolportageartigen Kriminalroman unter dem Titel Die Geheimisse von Berlin in der Zeit um 1902–1903 im Berliner Verlag D. Dreyer. Der Roman ist äußerst selten und umfangreich, nämlich 1120 Seiten stark in drei Bänden, obwohl immerhin ein Exemplar des ersten Bandes dieses Romans in der Berliner Staatsbibliothek – Unter den Linden – verfügbar ist. Die Bände 2–3 der Geheimnisse von Berlin ist mit dem Hinweis »Kriegsverlust« gekennzeichnet, also nicht mehr auffindbar.
Die Geheimnisse von Berlin, Berlin: D. Dreyer 1902–1903, 1120 Seiten in drei Bänden erschienen, hier die Bände 2 und 3
Ich erwarb die Bände 2 und 3 in einem Berliner Antiquariat, und zweifelte daran, daß ich je den fehlenden ersten Band bekommen könnte. Doch da hatte ich mich geirrt. Da ich keinen Zugriff auf die Kolportagebibliographie von Kosch/Nagel hatte, rief ich einen befreundeten Sammler an, der für mich bei Kosch mal nachschauen sollte, und der sich tatsächlich daran erinnerte, daß er die Geheimnisse von Berlin von Carl Herrmann besitzt. Als er im Regal nachschaute, fand er tatsächlich nur den ersten Band dieses Schmökers, – übrigens aus dem Besitz des manischen Büchersammlers Kosch selbst. Mein Sammlerfreund hatte, so wie ich auch, direkt viele seltene Bücher bei Kosch aus der Sammlung angekauft. Der heutige Besitzer des Bandes hatte dieses Buch aufgrund der schlüpfrigen Illustration einer halbnackten Dame behalten. Ich konnte ihn überreden auf die verführerische halbnackte Dame zu verzichten und mir diesen ersten Band zu verkaufen.
Die Geheimnisse von Berlin, der mir fehlende erste Band des Romans mit der Illustration einer halbnackten Dame
In der Kosch/Nagel-Bibliographie Der Kolportageroman gab es übrigens auch keine biographischen Hinweise zu dem Autor Carl Herrmann, und Herr Kosch besaß auch nur den ersten Band von Die Geheimnisse von Berlin – und irrte sich deshalb auch wohl im Gesamtumfang des Romans.
Nach einigen Tagen kam das Buch per Post in meinen Besitz, und ich begann sofort damit diesen ersten Band zu lesen. Ich war etwas überrascht über das erzählerische Talent des Autors Carl Herrmann, über den tatsächlich keinerlei biographische Daten zu finden sind. Ich rätselte über die Identität dieses talentierten Herrn Herrmann – bis ich auf das sechste Kapitel des Romans stieß. Ich las den Anfang des Kapitels, und mir war sofort klar, daß ich diesen Text Wort für Wort kannte. Es handelt sich dabei um den Roman Ein Selbstmörder, der um 1907 ebenfalls im Berliner Verlag D. Dreyer unter dem Autorennamen Carl Schüler veröffentlicht wurde – und den ich gerade neu drucken lasse. Der Roman ist später noch einmal aufgelegt worden unter dem Titel: Der Fall Krische.
Nun wurde mir klar, daß Carl Herrmann also das Pseudonym des Autors Carl Schüler gewesen ist, und das Motiv wurde mir auch klar: Vermeintlicher Ärger mit der wilhelminischen Zensur.
Die Geheimnisse von Berlin ist ein Roman mit vielen abwechselnden Handlungssträngen. Man kann durchaus behaupten, Carl Herrmann alias Carl Schüler hat hier vier oder fünf Romane miteinander verschränkt, die gemeinsam ein großartiges, reißerisches und sozialkritisches Panorama vor den Augen des Lesers auf eine imaginäre Leinwand projeziert.
Karl bzw. Carl Schüler wurde am 18.10.1867 in Fritzlar geboren und starb im März 1939 in Bad Schandau. Er hat einige weitere Kriminalromane veröffentlicht, sowohl unter dem Namen Carl Herrmann, als auch unter seinem bürgerlichen Namen Carl Schüler. Die Geheimnisse von Berlin ist unter seinem Pseudonym Carl Herrmann erschienen, vermutlich weil der Roman einige schlüpfrige Passagen enthält, die im Halbwelt-Milieu, also unter Zuhältern und Huren, spielen. Doch nur wenige Jahre nach Erscheinen der Geheimnisse von Berlin sind wohl weitere Romane von Carl Herrmann bzw. Carl Schüler im D. Dreyer Verlag erschienen.
Zum Beispiel die Romane von Carl Schüler:
Zum Protest. Novelle, 1903 im Verlag D. Dreyer in Berlin [Stabi Berlin »Kriegsverlust«] – steht laut kvk in keiner Bibliothek
Schleppe und Schminke. Eine Erzählung aus dem Nachtleben Berlins, 1904 im Verlag D. Dreyer in Berlin [Stabi Berlin »Kriegsverlust] – steht laut kvk in keiner Bibliothek
Zwei Männer und eine Frau. Roman, 1904 im Verlag D. Dreyer in Berlin, steht nur in der Stabi Berlin
Ein Selbstmörder, 1907 im Verlag D. Dreyer in Berlin – steht laut kvk in keiner Bibliothek
Frau Blaubart, 1907 im Verlag D. Dreyer in Berlin [Stabi Berlin »Kriegsverlust«] – steht laut kvk in keiner Bibliothek
Kammillen-Konrad. Eine Erzählung aus dem Berliner Verbrecherleben, 1904 im Verlag D. Dreyer in Berlin – steht laut kvk nur in der Landes- und Zentral-Bibliothek in Berlin, die Bibliothek irrt sich mit 1920 als Erscheinungsjahr, kein weiteres Exemplar in eienr Bibliothek nachweisbar, das Buch wurde noch im Erscheinungsjahr 1904 in Russland verboten
Unter dem Pseudonym Carl Herrmann erschien:
Die Geheimnisse von Berlin, 1902–1903 im Verlag D. Dreyer in Berlin, der erste Band steht in der Stabi Berlin, Band 2 und 3 gelten als verschollen [Stabi Berlin »Kriegsverlust«]
Eine unbekannte Frau, Roman um 1904 im Verlag D. Dreyer in Berlin, bibliographisch jedoch nicht nachweisbar, da der Titel nur in einer Verlagswerbung angekündigt wurde, es könnte sich also um einen Ghost handelt.
Darüberhinaus gibt es Dramen von Carl Schüler bei Dreyer, Novellen – und später in anderen Verlagen diverse Kriminalromane.
Ich gehe davon aus, daß es eventuell noch Titel gibt, die bibliographisch nicht nachweisbar sind, da der Verlag offenbar keine Belege an die Nationalbibliothek geschickt hat. Aber eines ist durch die Lektüre schon einmal klar geworden:
Ein Selbstmörder, 1907, und der Roman Kammillen-Konrad, 1904, sind zwei Passagen aus dem Roman Die Geheimnisse von Berlin, die aber nicht allzu schlüpfrig geraten sind, so daß sie unter dem bürgerlichen Namen Carl Schüler veröffentlicht werden konnten. Außerdem vermute ich, daß der Roman Zwei Männer und eine Frau, 1904, sowie der Roman Schleppe und Schminke. Eine Erzählung aus dem Nachtleben Berlins, 1904, ebenfalls zwei Auskopplungen von Passagen des Romans Die Geheimnisse von Berlin sind.
Ich gehe darüberhinaus davon aus, daß weitere Passagen aus dem Roman Die Geheimnisse von Berlin später ausgekoppelt wurden und unter einem neuen Titel erschienen sind. Allerdings sind alle diese Bücher aus dem D. Dreyer Verlag praktisch unauffindbar, so daß ich vermutlich keine Gelegenheit finde, meine Vermutungen diesbezüglich zu verifizieren.



